War Meister Eckehart ein Zen Meister?

Geht es Dir so wie mir? Für mich war „Meister Eckehart“ stets ein Mystiker, und ein Mystiker jemand, der in einer abgeschiedenen Klause in spiritueller Verzückung lebt und Wundmale auf Händen und Füssen ausprägt.

Jetzt habe ich mich ein wenig mit dieser Person beschäftigt, und siehe da: der Kerl ist ganz anders!

Eckehart ist ein „Ritter von Hochheim“, was wohl bedeutet, dass er als Adelskind von früher Kindheit an, die beste aller damaligen Ausbildungen erhielt. In seinem Geburtsjahr, 1260, hatte etwa der Markus Campanile in Venedig schon fast sein heutiges Aussehen. Der Stephansdom in Wien war noch spätromanisch und kleiner, aber schon damals ein Zentrum der Stadt. Es ist also keine Rede mehr von „dunklem“ Mittelalter, das in unserer Vorstellung oft mit romantischen aber ungemütlichen Burgen und mit Burgfräuleins und deren Lauten spielenden Anbetern zu tun hat. Nein, hier war geistiges Leben in voller Blüte. Und Eckehart war an der geistigen Spitze seiner Zeit und offenkundig ein ganz anderer Mensch als sein Altersbild vermuten lässt.

Sein Leben

Eckehart stammt aus der Nähe von Gotha. Das ist nicht weit von Erfurt und ungefähr in der Mitte zwischen Frankfurt am Main und Leipzig. Die Träger der Wissenschaft der damaligen Zeit waren die Dominikaner, und schon sehr früh trat er in den Orden ein. Mit 39 wurde er Prior, mit 40 wurde er an die Universität nach Paris berufen und mit 42 wurde er Magister, also „Meister“, und seit damals wird er mit diesem Beinamen zitiert. Als er überdies Generalvikar des Ordens mit 47 unterstellten Klöstern wurde hatte er eine eminente Manager-Aufgabe mit vielen Reisen, von denen er etliche zu Fuss erledigte. Das ist bemerkenswert, denn auf seinen Wanderungen entstanden einige seiner bis heute erhaltenen Schriften. Im Alter von 51 Jahren wurde er abermals nach Paris berufen auf den einzigen, einem Nicht-Franzosen vorbehaltenen Lehrstuhl. Ausser ihm hatte es nur der um 30 Jahre jüngere Thomas von Aquin zu einer zweimaligen Lehr-Berufung dort gebracht. Mit 53 übernahm er die Leitung der theologischen Schule von Strassburg, und hier war seine Hauptaufgabe das Predigen für das Volk, das mitunter von weit her strömte weil sich sein Ruf als mitreissender Redner herumgesprochen hatte.

Als er dann, schon gegen Mitte 60, Lehrer für Dogmatik an der Hochschule Köln wurde begann die schon lange unterschwellige Hetze gegen ihn konkret und auch für ihn selbst gefährlich zu werden. Schon vorher wurden Dutzende, wenn nicht Hunderte seiner Anhänger, die sich auf ihn beriefen, von der Inquisition gefoltert und ermordet. Ihn selbst hatte man aber bis dahin aufgrund seines hohen Ansehens und seiner institutionellen Positionen nicht anzugreifen gewagt. Jetzt aber war es so weit: der Erzbischof von Köln wurde zu seinem erbitterten Feind, der die Inquisition gegen ihn selbst einleitete.

Zunächst einmal wurde er von dem vom Papst in Avignon eingesetzten Untersucher von der Ketzerei freigesprochen, seine Feinde betreiben aber seine Verfolgung weiter. Es kam zu einem Verfahren in Avignon, im Zuge dessen, bevor es noch überhaupt begonnen hatte, Eckehart auf bis heute ungeklärte Weise plötzlich verstarb. Zwei Jahre nach seinem Tod verurteilte eine päpstliche Bulle 28 seiner, teilweise angeblich falsch zitierten, Sätze als Irrlehre.

Seine Lehre

Hunderte Anhänger gefoltert und tot, er selbst auf mysteriöse Weise verstorben – wie groß muß wohl die Angst der kirchlichen, ach so christlich-barmherzigen Autoritäten vor diesem Mann und vor dem was er sagte gewesen sein? Eckehart war jedenfalls alles andere als ein mystisch verzückter Einsiedler. Eckehart stand mitten im Leben, war Wissenschaftler, Universitätslehrer, Prediger, Manager. Und er war – ich habe es erwähnt – im Zuge seiner Aufgaben viel zu Fuß unterwegs. Das ist die erste Gemeinsamkeit mit den großen Meistern des Zen in China und in Japan. Auch sie waren lange Strecken zu Fuß unterwegs, und jeder, der schon auf einer Pilgerwallfahrt oder auf dem Jakobsweg unterwegs war weiß, daß interessante Dinge in einem vor gehen.

Natürlich mußte sich Eckehart in der Sprache seiner Zeit und seiner Kirche ausdrücken. Aber er nahm kleine, kaum merkliche Bedeutungsverschiebungen vor, die in Wahrheit fundamental sind. So spricht er meist nicht von „Gott“, sondern von „Gottheit“ und diese stehe über „Gott“. Diese Gottheit sei ein einfaltiges Eins, das keinerlei Merkmale aufweisen kann, weshalb sie auch kein „Sein“ hat, denn das wäre bereits ein Merkmal. Sie ist merkmalslos und daher gibt es nichts was sie nicht ist. Im wichtigsten Lehraufsatz des Zen-Buddhismus heisst es: „Form ist Leere und Leere ist Form“, oder in der Sprache Eckeharts ausgedrückt: in allem Geschaffenen ist die Gottheit und die Gottheit ist gleichzusetzen mit allem Geschaffenen.

Wobei nicht alles geschaffen sei. Die Seele – und damit meint er den Mensch als ganzen – ist laut Eckehart nicht „geschaffen“, denn sie ist ein Teil der Gottheit und kann daher nicht geschaffen sein. Das Loblied des Zen Meisters Hakuin beginnt mit den Worten: „Alle Wesen sind in tiefstem Grunde Buddha; es ist wie bei Wasser und Eis: wie es kein Eis gibt ohne Wasser, so gibt es nicht einen Menschen ohne Buddhanatur.“

Und was ist mit Gottes Sohn? Dazu sagt Eckehart: „Der Vater gebiert unaufhörlich den Sohn“ – und hat ihn nicht vor 2000 Jahren in die Welt gesandt.

All das ist diametral anders als alles was ich je in der katholischen Kirche gehört habe, anders als es bei jedem Begräbnis zu hören ist, anders als es den sonntäglichen Artikeln des Wiener Kardinals in der Kronen-Zeitung entspricht. Aber sehr, sehr ähnlich den Aussagen der Meister des Zen.  Und noch etwas gleicht ihnen: „Die Wahrheit kommt nicht gedanklich, sondern erst wenn der Mensch der Wahrheit gleicht“. Anders gesagt: wenn er sich auf den Weg der Meditation begibt.

Meister Eckehart also doch ein Zen-Meister?

Nachwort

Diese These ist keineswegs neu. Auch anderen kam schon eine ähnliche Idee: Dürckheim, Enomiya-Lasalle, D.T. Suzuki, Erich Fromm und ganz besonders Shizuteru Ueda, zuletzt Professor an der Rinzai-shu Universität Hanazono, der in jungen Jahren an der Universität Marburg seine Dissertationsschrift über Meister Eckehart verfasst hat.

Quellen: Wikipedia, „K.O. Schmidt: Meister Eckeharts Weg zum kosmischen Bewußtsein“,  Drei Eichen 1992″Meister Eckehart: Predigten und Schriften, ausgewählt und eingeleitet von Friedrich Heer“, Fischer 1956

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