Sommer-Spintisiereien

„Wir träumen von Reisen durch das Weltall, ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht, nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“

(Georg Philipp Friedrich Hardenberg, bekannt als Novalis 2.5.1772 – 25.3.1801)

Sommerszeit, durch die Hitze erzwungene Trägheit, Muße zum Spintisieren. Die mittlerweile vermutlich allseits bekannten Bilder des James Webb Teleskops, das weit draussen im All, unbeeinträchtigt von jeglichem Smog im Gleichgewicht zwischen der Anziehung durch die Erde und die Anziehung der Sonne relativ stabil schwebt, zeigen uns im Wochentakt neue, aufregende Bilder des Universums, in dem wir und befinden.

So ganz stimmt das nicht, denn diese Bilder waren viele Milliarden Jahre, so zwölf bis dreizehn Milliarden Jahre unterwegs, bis das Teleskop sie einfangen konnte, sie zeigen aslo Weltn, die es gar nicht mehr gibt, und sie zeigen auch nicht, das was wirklich ist, oder war, sondern das aufgefangene Licht ist auf seinem weiten Weg immer weiter in den Infrarotbereich gerutscht, den wir nicht sehen können. Aber nicht nur das: weil sich das Universum stetig ausdehnt, und zwar in alle Richtungen, was überdies schwer vorstellbar ist, läuft es dem Licht sozusagen davon, macht die Reise noch länger und verschiebt es noch weiter in den Infrarotbereich. Die Wissenschaftler müssen es daher erst mit enormer Rechnerleistung hochrechnen, in die sichtbaren Bereiche, so wie es einst vielleicht wirklich ausgesehen haben mag. Und die Ergebnisse sind durchaus ansehbar und so phantastisch, dass sie die Vorstellungskraft aller Science Fiction Autoren glatt überschreiten. Das, was wir, vergrößert, als unsere Heimat-Galaxie wahrnehmen, diese bekannte, schöne, ovale Scheibe, ist nicht nur ein kleines, ein winzigkleines, Häuflein in diesem Ganzen, sondern anscheinend nur eine einzelne Form, wobei viele solche „Scheiben“ wiederum ganz andere Muster und Gebilde zu malen imstand zu sein scheinen. So etwas hat nicht nur kein Mensch je gesehen, sondern hat sich nie auch nur ein Mensch vorstellen können.

Ein bisher eisernes Gesetz der Physik scheint zu besagen, dass sich nichts schneller als das Licht bewegen kann. Was aber, wenn doch? Was aber, wenn auf diesen Sternen und Planetenhaufen Wesen existieren, oder, man müßte, von uns ausgehend sagen: existiert haben, die dazu fähig waren, schneller als das Licht zu sein? Was, wenn sie, von dort her, was uns Milliarden Jahre vergangen scheint, hierher hätten kommen können, zu uns? Und was, wenn sie den Zeitpunkt nicht so genau erwischen, sondern zur Zeit Homers einen Blick auf uns werfen? Würden sie dann einen alten Film sehen, in dem sich die Griechen soeben gegen Kleinasien einschiffen, also nicht mehr real, als wenn wir uns einen Hollywood-Film ansehen? Oder würden sie, wenn sie noch näher kämen, Odysseus höchst real auf die Schulter klopfen können?

Das führt uns zur Frage: was ist überhaupt real? Wenn diese sichtbar gemachten Sternenhaufen vermutlichh längst nicht mehr existieren? Wenn die Planeten, die vermutlich um etliche der Sonnen gekreist haben, längst nicht mehr existieren? Wenn die Wesen, die es auf ihnen vermutlich gab, nicht nur gestorben sind, sondern samt ihren Welten radikal ausgelöscht sind? Was ist von ihnen geblieben? Infrarotwellen, die wir hochrechnen können, oder mehr? Und was mehr? Und wenn wir abermals umgekehrt denken, nämlich uns selbst aus deren Sicht betrachten wollen, sind wir dann noch real da? Oder auch nur ein Infrarotbild, das diejenigen da draussen in ihren sichtbaren Vereich hochrechnen? Waren wir überhaupt jemals da?

Ein Zen Meister, dem ich diese Fragen stellen würde, würde jetzt zu seinem Stock greifen und mir ein paar Schläge überziehen: Bist Du jetzt da oder nicht? Aber zum Glück ist kein Meister in der Nähe, es ist Sommerszeit, die Hitze erzwingt körperliche Trägheit und ich kann mich ungestört dem Spintisieren widmen.

1 Kommentar

  1. Was heisst Spintisieren!? Es geht nur darum, unsere Vorstellungskraft zu erweitern. Von den ersten technischen Möglichkeiten und Erkenntnissen bis zu einem neuen Weltbild war es immer schon ein langer Weg. Aber kurz in stronomischen Zeitrechnungen!

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