Nagarjuna – oder: Lass‘ dich durch diesen Blog nicht von deiner täglichen Meditationspraxis abbringen

Ich habe Nagarjuna schön öfters erwähnt. Ich nenne ihn stets „Buddhas Philosoph“, hat er doch ein paar Jahrhunderte nach Siddharta Gautama dessen Gedanken in ein philosophisches Gebäude eingegliedert, und zwar in ein hoch komplexes. Leser meiner Blogs wissen, was mich an ihm so fasziniert: dass er nämlich wie kein anderer anscheinend die jüngsten Erkenntnisse der Quantenphysik, und damit der Grundlage alles Seins, schon zwei Jahrtausende vorher in ein Weltbild einordnen konnte. Aber so wie jenes nicht so ruckizucki verstanden werden kann, ist es auch dieses nicht.

Der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel hat sich ebenfalls mit Nagarjuna beschäftigt, und zwar in hervorradender Art und Weise. Dabei geholfen hat ihm sicherlich seine eigene, jahrzehntelange Zen-Meditationspraxis. Ich lasse daher ihn im Folgenden selbst sprechen und schließe mit der Widmung, die ihm der (weiter unten zitierte) Autor Graham Priest (sinngemäß) in sein Buch geschrieben hat: „Möge die Beschäftigung mit diesem Buch Dich nicht von Deiner täglichen Meditations-Praxis abbringen“.


Was Scobel auf seinem Youtube Kanal selbst dazu schreibt:

Was ist die Wirklichkeit? Den Versuch einer Antwort können wir mit Hilfe von Logik herleiten. Oder über den Weg der Meditation, den der buddhistische Philosoph Nagarjuna schon im 2. Jahrhundert einschlug. Nagarjuna hatte zu zeigen versucht, dass Erscheinungen sich nicht selbst erzeugen und daher keine absolute Existenz haben. Es geht um das Erfassen einer Realität ohne Form und damit ohne Unterscheidungen – eine Realität sozusagen, bevor wir sie einteilen mit Hilfe unserer Begriffe und Logik. Wir können mit dieser Wirklichkeit, die wir selber ja auch sind, zwar vertraut werden und auf sie zeigen: wir können sie aber nicht erschöpfend mit Hilfe von Begriffen und Logik erfassen.

Anders ausgedrückt: die Wirklichkeit ist immer dann, wenn wir sie als Ganzes und damit in ihrer Einheit als Leere erfassen wollen, widersprüchlich. Und die Paradoxie von Sprache und Logik wurzelt in genau dieser Widersprüchlichkeit der Realität. Nagarjuna hat das Catuscoti oder Tetralemma entwickelt. Alles läuft, verknappt gesagt, darauf hinaus zu erkennen, wie unangemessen Sprache bei all ihren perfekten Möglichkeiten und ihrer Reichweite bleibt, wenn es darum geht, die nicht-Dualität der Wirklichkeit zu erfassen.

Manches an Nagarjunas Philosophie ähnelt nicht nur der Quantenmechanik, sondern auch dem Versuch einer Beschreibung der Wirklichkeit von Hegel.

Weitere Links und Quellen:

Lutz Geldsetzer: Die Lehre von der Mitte. Zweisprachige Ausgabe (Deutsch/Chinesisch), 2010 Graham Priest: Beyond the Limits of Thought, 2002

Graham Priest: The Fifth Corner of Four. An Essay on Buddhist Metaphysics and the Catuskoti, 2018

Dalai Lama: The Middle Way. Faith grounded in Reason, 2009

Carlo Rovelli: Helgoland. Wie die Quantentheorie unsere Welt verändert, 2021 Gert bezieht sich auf folgendes Zitat auf Seite 137: Aus dieser Perspektive betrachtet gibt es nicht einmal mich, der ich jetzt den Morgenstern betrachte. Das war, in gewisser Weise, die entscheidende Erfahrung des Erwachens, die Buddha machte. Gibt es mich? Nein, nicht einmal mich. Niemand sieht den Stern. All das ist – leer. Und dennoch existiert es und hat diese Form, die ich jetzt sehe. […] Es gibt keine letztgültige oder geheimnisvolle Essenz zu ergründen, welche die wahre Existenz unseres Seins wäre. `Ich` ist nichts anderes, als das große Ganze der miteinander verwobenen Phänomene, aus denen es besteht. Jedes hängt von etwas anderem ab. Jahrhunderte abendländischer Spekulation über das Subjekt und über das Bewusstsein schmelzen wie der Raureif des Morgens dahin. […] Die Kernthese von Nagarjuna lautet schlicht, dass es keine an sich seienden, von anderem unabhängig existierende Dinge gibt. Dies steht unmittelbar im Einklang mit den Aussagen der Quantenmechanik. Die von Nagarjuna gebotene Perspektive erleichtert es uns vielleicht etwas, die Welt der Quanten zu denken.

Wittgensteins „Ungewisse Gewissheiten“ – erklärt https://www.youtube.com/watch?v=atEFU…

Hegel – wer ist der Jahrhundert-Philosoph? https://www.youtube.com/watch?v=2V1B9…

Hegel – wie man ihn liest und versteht https://www.youtube.com/watch?v=pOqQD… Hegel – der Ursprung des Denkens https://www.youtube.com/watch?v=sv_2a…

Interview mit Carlo Rovelli https://www.youtube.com/watch?v=EFt62…

Nichtwissen und Wissenschaft – Was wir von Sokrates lernen können https://www.youtube.com/watch?v=e5sI2… Kapitel 00:00 – Nagarjuna: Philosoph der Leere 01:36 – Was sollte Nagarjuna genau? 05:33 – Die „Realität ohne Form“ 07:50 – Ludwig Wittgensteins Denkweise 09:10 – Tetralemma 11:20 – Die Formelerklärungen 15:18 – Nagarjunas Strategie 16:12 – Welche Einwände gibt es? 19:00 – Fazit

Eine Produktion von objektiv media GmbH im Auftrag von ZDF/3sat

Autor & Host: Gert Scobel, Kamera: Marcus Becker, Ton: Dirk Hans Illustrationen: Claus Ast, Schnitt: Christian Wischnewski, Thumbnaildesign: David Weber, Producer objektiv media: Marvin Neumann, Produktionsassistenz: Daniela Ssymank, CvD objektiv media: Inga Haupt, Redaktion ZDF: Stephanie Keppler, Christine Bauermann, Birgit Rethy, Darinka Trbic, Produktion ZDF: Christoph Beau

Abonnieren? Einfach hier klicken: www.youtube.com/scobel
Die TV-Sendung „scobel“ in 3sat: https://kurz.zdf.de/re37/

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