Wie viel „Buddha“ ist im Buddhismus?

Bei der Vorbereitung auf ein Zen-Seminar bin ich auf eine Arbeit von mir gestossen, die ich vor einiger Zeit erstellt habe. Darin beschäftige ich mich mit der Quellenlage zu den allgemein als zentral angesehen buddhistischen Aussagen. Meine Schlußfolgerung ist: So klar ist das wohl nicht, und die „einfachste“ Form des Buddhismus, Zen und das philosophische Konzept des Shunyata, der „Leere“ kommen den ursprünglichen Aussagen des historischen Buddha – wenn es ihn denn wirklich gab – am nächsten. Es ist ein längerer Text und man braucht wohl Geduld und Aufmerksamkeit um ihm zu folgen.

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Die 5. Wahrheit (© Paul Matusek)

Eine Betrachtung der Herkunft und des geistigen Umfelds des Siddharta Gautama, der später Buddha genannt wurde legt eine Neubewertung seiner zentralen Aussagen nahe.

Das bindende Band aller buddhistischen Richtungen mit Ausnahme des Zen sollen die 4 Edlen Wahrheiten und – daraus resultierend – der achtfache Pfad der rechten Einstellungen und Taten sein. Es wird gesagt, dass der Buddha die 4 Edlen Wahrheiten in seiner ersten Predigt am Geierberg verkündet hätte und sie deshalb das authentischte Zeugnis seines Erkenntnisweges seien.

An dieser Ansicht bestehen gerechtfertigte Zweifel.

Die frühesten Zeugnisse für diese Ansicht sind im Pali Kanon zu finden, der vermutlich erst im 4/5. Jahrhundert erstmals niedergeschrieben wurde, nachdem er – so die Legende – seit ca 250 v. in Ceylon mündlich weitergegeben worden sei, nachdem er dorthin von einem Sohn König Ashokas im Zuge der Eroberungszüge beginnend schon von seinem Großvater im Zuge seiner „Läuterung“ und der Ausrufung des Buddhismus als Staatsreligion verbracht worden sei.

Wer den physischen Umfang des Pali Kanon in Betracht zieht kann nicht anders als an der These von der authentischen mündlichen Weitergabe über viele Jahrhunderte zu zweifeln. Zum Vergleich sind Homers Odyssee und Ilias viel kürzer – obgleich immer noch beachtlich umfangreich – und auch von ihnen wird gesagt, dass sie mündlich tradiert wurden. Aber: sie erzählen blumige Geschichte und das in Hexameter-Form, was ein Memorieren viel leichter macht (was jeder, der einst Altgriechisch in der Schule gelernt hat bestätigen kann).

Ein weiteres frühes buddhistisches Zeugnis sind die so genannten Gandhara Funde, aufgefunden in einer Höhle im Jahr 1994. Das Gandhara Reich bestand im Gebiet des heutigen Pakistan und Afghanistan. Die Funde datieren aus dem 1. bis 4. Jhdt, sind aber noch immer nicht zur Gänze ausgewertet und dokumentiert. Vor einiger Zeit wurden die Funde ausgestellt, aber sie bestanden im wesentlichen aus Steinmetz-Arbeiten und sagten wenig über inhaltliche Hintergründe aus, ausser, dass Gandhara, am Schnittpunkt mehrerer Kulturen gelegen, ein großes buddhistisches Zentrum gewesen ist.

Was also sind die frühesten Zeugnisse dessen was der Buddha angeblich gesagt hat? Tatsächlich gibt es Berichte von Reisenden, die aus einer Zeit nicht sehr lange nach Buddhas Lebenszeit stammen, je nach Datierung möglicherweise sogar sehr nahe der Zeit, zu der Buddha noch lebte. Während die Daten dieses reisenden Griechen sehr genau dokumentiert sind, sind es Buddhas Lebensdaten nicht. Sie könnten von der Mitte des 6. Jhdts vor bis Mitte des 4. Jhdts vor unserer Zeitrechnung reichen.

Bleiben wir bei der Lebenszeit des Buddha, die von den meisten Wissenschaftlern geteilt wird, dann befinden wir uns in Mitte bis Ende des 6. Jhdts vor unserer Zeitrechnung. Da interessiert uns insbesondere Folgendes:

  1. In welchem geistigen und familiären Umfeld wuchs Siddharta aus der Familie Gautama auf?
  2. Welche Erziehung und Ausbildung hat er in seinen ersten 30 Lebensjahren genossen?
  3. Wogegen ist also seine Erkenntnislehre der revolutionäre Gegenpol, der er offensichtlich, schon allein gemessen an seiner überlieferten großen Anhängerschar, war?

Das herkunftsmäßige geistige Umfeld des Siddharta Gautama

Als Geburtsort des SG (Siddharta Gautama) wird allgemein Lumbini im heutigen Indien angenommen, ein Ort aus dem SG’s Mutter stammte und wo sie sich zur Niederkunft hinbegeben hat. Unterwegs hätte sie im Freien SG zur Welt gebracht. Aufgewachsen und erzogen worden sei SG im Haus seines Vaters in Kushinaga, nachdem seine Mutter bald nach der Geburt gestorben sei, betreut von einer Ziehmutter. Hier, im „Palast“ des Vaters hätte er nichts anderes zu tun gehabt als das Kriegshandwerk zu lernen und – abgeschottet von der Außenwelt – ein Leben in Luxus und Schlemmerei zu führen bis er, nahe an seinem 30ten Lebensjahr aus dieser „Scheinwelt“ ausgebrochen sei auf der Suche nach der „Wahrheit“. Geografisch liegen diese Ort in Nord-Ost-indien, an der Grenze zum heutigen Nepal am Fuß des Himalaya. Die Volkszugehörigkeit der Familie Gautama wird angenommen als vom Stamm der „Sakya“, wovon sich die viel später auftauchenden Bezeichnung SG’s als Sakyamuni, des Weisen aus dem Stamm der Sakya ableiten soll.

An dieser Darstellung gibt es wissenschaftliche Zweifel. Als der Perserkönig Kyros und seine Nachfolger Darius I, II und III ihre Machtgebiete nach Osten Richtung des heutigen Afghanistan und Pakistan auszuweiten begannen, nahmen sie etliche der eroberten Völker in ihre Pflicht und setzten strategisch aufgeteilt Statthalter, Satrapen, ein, insgesamt 21. Zu solchen Statthaltern wurden auch Angehörige der Skythen, eines zuvor nomadisierenden Reitervolks.

Eine andere Bezeichnung für die Skythen war „Saka“, sanskritisiert später als „Sakya“. Dieses Wissen muss sich lange gehalten haben, so dass später die Bezeichnung Sakyamuni, des „Weisen Saka“ den Zeitgenossen geläufig war. Wenn diese These stimmt, dann ist SG’s Heimatort vermutlich weiter westlich, am Indus anstatt am Ganges zu verorten. SG’s Vater wäre demnach auch kein „König“, sondern ein skythenstämmiger Statthalter der Perserkönige, der durchaus in einem königsähnlichen Palastbezirk residiert haben könnte. Für diese Annahme spricht auch die Abschottung von der Welt außerhalb des Palastbezirks, denn es ist bestimmt nicht abwegig anzunehmen, dass die Statthalterfamilie von der ansässigen Bevölkerung als unfreundliche Besatzung empfunden wurde.

Warum scheint diese Annahme wichtig? Vieles aus der von SG in Gang gesetzten geistigen Revolution scheint eine Antwort auf die damals vorherrschenden Weltanschauungen zu sein (siehe später). In Indien herrschte seit mindestens 1500 v.u.Z. die Veda vor, eine Kastenlehre, die auf einer Art Weltgeist, Atman, beruhte und weite Teile der Bevölkerung von Erkenntnis und „Erlösung“ ausschloss.

Auf der anderen, aus Persien kommenden Weltanschauung gab es seit ca 800 v.u.Z. die Lehre des Zoroaster, die von einer strikten Unterscheidung in „gut“ und “böse“, in „Wahrheit“ und „Lüge“ ausgeht. Wenn also die Annahme der oben skizzierten Abstammung des SG zutrifft, befand sich SG genau an der Schnittstelle dieser beiden Weltanschauungen. Das macht sein Ausbrechen im frühen Erwachsenalter samt der Suche nach einer „echten“ Wahrheit mindestens so plausibel wie das legendenhaft übermittelte Ausbrechen aus dem Palastluxus.

Die Ausbildung des SG

Ein Lebensalter rund um die 30 bedeutet abgeschlossene Ausbildung, Erwachsenenalter, das Hinausgehen in die Welt, einen Lebenssinn verwirklichen. Ist es plausibel anzunehmen, dass ein junger Mann aus einem vornehmen Haus bis dahin nichts anderes getan hätte als sich dem Luxus hinzugeben? Alexander, der makedonische Feldherr, war Anfang Zwanzig als er zu seinem Eroberungszug Richtung Osten aufbrach (darüber später). Es ist also viel eher anzunehmen, dass dieser junge Mann, der möglichweise als Nachfolger seines Vaters vorgesehen war, eine gründliche Ausbildung auch in Philosophie und Religion erhalten hatte – also sehr genau um die Schnittstelle der beiden großen Weltanschauungen seiner Zeit Bescheid wusste. Bis heute hat sich in den buddhistischen Sutren die Redewendung „DAS ist die Wahrheit und keine Lüge“ (Hervorhebung von mir; statt „Lüge“ könnte man auch „leeres Geplapper“ sagen, das weniger eine Absicht erfordert) erhalten, die als direkte Antwort auf den Zoroastrismus verstanden werden kann, der diese Unterscheidung noch und noch trifft.

Worin besteht die geistige Revolution des SG?

SG’s Lehre kann also als direkte Antwort einerseits auf den Zoroastrismus gesehen werden, als auch auf den Brahmanismus. Das scheint insofern plausibel als SG’s mehr als 40jährige Lehrtätigkeit entlang des Ganges eine so große Anhängerschar mobilisierte. Wie kann denn die Hauslosigkeit, das Abscheren der Kopfhaare und die Aufnahme jeglicher Bevölkerungsschicht in seine „Sangha“, seine Gemeinschaft, anders verstanden werden als das revolutionäre Gegenkonzept zu der in dieser Gegend vorherrschenden starren Kasteneinteilung ohne wirklichen Ausweg? Schon allein daraus lässt sich die schnelle Verbreitung, die wachsende Anhängerschar aus allen „Klassen“ und die Unterstützung durch lokale Machthaber und wirtschaftlich Erfolgreiche erklären, die im starren Brahmanismus, der von einer geistlichen Elite verteidigt wurde, keine weltliche „Erlösung“ finden konnten.

Die Predigt am Geierberg

Gemäß der buddhistischen Tradition sollte SG bei seiner Predigt am Geierberg nach seiner „Erleuchtung“ die „Vier Edlen Wahrheiten“ verkündet haben, deren Essenz nach ebendieser Tradition darin besteht, dass es Leiden gibt und er, SG, den Weg gefunden habe das Leid zu beenden. Diese Darstellungsweise taucht dokumentarisch erst viele Jahrhunderte nach SG’s Lebenszeit auf und soll bis dahin mündlich überliefert worden sein. Die Plausibilität der Annahme, dass es sich dabei um authentische Aussagen des SG handeln könnte ist schon weiter oben angezweifelt worden. Welche Zeugnisse gibt es also, die näher an der Lebenszeit des SG sind und denen wir daher mehr Plausibilität der Authentizität zuschreiben können?

Alexanders Feldzug

Der makedonische Fürstensohn Alexander hatte es geschafft vom zerstrittenen Machthaber-Gemenge der Griechen mit dem Feldzug gegen die Perser betraut zu werden. Makedonien liegt ganz im Norden Griechenlands, weitab von Athen. Alexander war der Sohn eines brutalen Feldherrn und einer ehrgeizigen Mutter, die sich nicht scheute, ihren Sohn dabei zu unterstützen sämtliche Mitbewerber um den Thron des Vaters, möglicherweise den Vater selbst, umzubringen. Dieser junge Haudrauf hatte aber auch eine Erziehung in Athen beim größten Philosophen seiner Zeit, bei Aristoteles, hinter sich. Als er mit dem Feldzug zur Befreiung der griechischen Städte an der heute türkischen Küste, die von den Persern besetzt war, betraut wurde, war er Anfang Zwanzig. Er sollte auch Rache dafür nehmen, dass die Perser zuvor sogar die Akropolis in Athen zerstört hatten.

Nachdem Alexander mit einem angeblich 35.000 Mann umfassenden Heer, das von allen griechischen Stadtstaaten mit vielen Söldnern aus anderen Völkern beschickt war, die griechischen Städte von der persischen Besatzung befreit hatte, war er aber nicht mehr aufzuhalten. Er begann den Feldzug gegen Asien Richtung Osten und Süden, dessen Eckdaten sehr genau dokumentiert sind: 334 bis 323 vor unserer Zeitrechnung, der von Ägypten bis nach Indien zum Indus reichte.

Mit in diesem Heer waren Philosophen, Maler und Dichter, und Alexander sandte auch regelmäßig Berichte über bis dahin unbekannte Pflanzen und Tiere an seinen Lehrer Aristoteles. Der Feldzug war also gleichzeitig eine Art wissenschaftliche Expedition. Einer der Begleiter war Pyrrho von Elis, ca 360 bis 270 vor. Pyrrho nahm als eine Art Hof-Dichter und Maler teil und kehrte als Philosoph zurück.

Pyrrho von Elis

Zurückgekehrt von Alexanders Expedition brachte Pyrrho eine neuartige Philosophie mit, die es vor ihm in Griechenland nicht gab. Von ihm selbst gibt es keine schriftlichen Aussagen, diese stammen alle von seinem Schüler Timon.

Eine Erkenntnis sei mit dem Verstand nicht möglich, sondern nur durch „langes Sitzen in Versenkung“, auch wenn es dabei Schmerzen zu ertragen gäbe. Diese letzte Erkenntnisanweisung, die uns aber wesentlich zu sein scheint,  scheint bei seinen Nachfolgern – der Pyrrhonismus lebte mehrere Jahrhunderte nach – in Vergessenheit geraten zu sein, Der wesentliche Inhalt war eine neue Sicht auf die sogenannten pragmata. Damit scheinen die erfassbaren Zuordnungen zu den Erscheinungen der Welt gemeint sein, ausgehend von der These, dass es uns versagt ist mit unseren Sinnen und unserem Verstand die wahre Natur der Dinge zu erfassen, konkreter: dass es ein „Wesen“ der Dinge überhaupt gäbe, das unseren Sinnen und unserem Verstand zugänglich wäre. Vielmehr seien die Erscheinungen der Welt nur durch das was sie nicht sind erkennbar. Sie seien gekennzeichnet durch:

  1. adiaphora Undifferenzierbarkeit
  2. astathmeta Unstabilität, Wandelbarkeit
  3. anepikrita Ununterscheidbarkeit dem Wesen nach

was in der Philosophiegeschichte dazu führte, dass der Pyrrhonismus (wie ich meine, auf Missverständnisse fördernde Weise) als Skeptizismus betrachtet wird. Das Ziel dieses neuartigen Erkenntnisweges sei die apatheia, das Ende der verstandesmäßigen Unterscheidung in richtig oder falsch, in gut oder böse und infolgedessen Friede und Freiheit im Geist.

Die Trilakshanas

Die Trilakshanas, die drei Kennzeichen aller Existenz, tauchen erstmals im Pali Kanon des ceylonesischen Theravada, im Dhammapada, und in anderen Versionen auf, allesamt viele Jahrhunderte nach SG’s Lebenszeit. Demnach weisen alle Erscheinungen, dharmas, oder besser: unsere Möglichkeiten sie zu erkennen, folgende Merkmale auf. Sie sind:

  • anitya (Pali: anicca)         unfixiert, wandelbar
  • dukha (Pali: dukkha)        „unrund“, unbefriedigend
  • anatman (Pali: anatta)     ohne unwandelbares Selbst, ohne eigenes Wesen

Erkenntnis sei nicht durch den unterscheidenden Verstand, sondern nur möglich durch intensive Versenkung, die in vier Stufen unterschieden wird, deren vierte den Zustand der Freiheit, inneren Frieden bringe.

Schlußfolgerungen

Unter der Prämisse der oben getroffenen Annahmen was SG’s Lebenszeit, lokale Zuordnung und Lebensumstände betrifft kann man folgendes schließen:

Siddharta Gautama lebte an der Schnittstelle der großen Weltanschauungen seiner Zeit. Seine Aussagen sind teilweise als Reaktion und Zurückweisung dieser zu verstehen.

In Pyrrho finden wir die Aussagen, die den seinen vermutlich am nächsten kommen, sind sie doch verblüffend gleichlautend und hat sie Pyrrho von seiner Expedition in die Gegend, in der SG lebte mitgebracht und war er ihnen zeitlich am nächsten.

Es scheint im Lichte dessen nicht abwegig anzunehmen, dass SG bei seiner berühmten ersten Predigt  – wenn es diese als Einzelereignis überhaupt gab – nicht die Vier Edlen Wahrheiten von der Überwindung des Leids gepredigt hat, sondern eher die Trilakshanas, die Wesensmerkmale aller Erscheinungen, wie sie uns über Pyrrho indirekt übermittelt wurden.

Für die Annahme Buddhagoshas, eines Theravada Gelehrten des 5. Jhdts, dass die Trilakshanas aus verschiedener Zeit stammen, also ursprünglich nicht gemeinsam gelehrt wurden, finden sich keine Anhaltspunkte; diese Aussage scheint eine reine Spekulation zu sein.

Für die Annahme, die Trilakshanas als Einheit und Zentrum zu sehen, spricht nicht nur die Übermittlung durch den zeitlich nahen Pyrrho, sondern auch die Tatsache, dass in den Prajnaparamita-Sutras, speziell in den insbesondere vom Zen hochgeschätzten Herz Sutra und Diamant Sutra eine beständige Bestätigung und Umschreibung der Trilakshanas verstanden werden kann (für eine nähere Erläuterung ist hier nicht der Platz).

In der westlichen Buddhismus Perzeption spielt die Hervorhebung des „Leids“ und dessen Überwindung eine große Rolle. Das ist nicht verwunderlich, bezog sich doch das westliche Verständnis von Beginn an auf den Pali Kanon des Theravada, in dem die Trilakshanas eine vergleichsweise untergeordnete Rolle zu spielen scheinen (siehe Buddhagoshas Annahme einer späteren „Synthetisierung“), wobei zu beachten ist, dass die ersten Übersetzungen in europäische Sprachen, auf die sich die meisten Kommentatoren beziehen von portugiesischen Missionaren aus dem 15.Jhdt stammen, die die buddhistischen Schriften kritisch, aus ihrem engen eigenen Weltbild heraus, sahen.

Möglicherweise fußt diese ungleiche Bedeutungszuordnung auf einem sprachlichen Faktum. Wie wir gesehen haben, werden die Wesensmerkmale nicht als eigenständiges „Sein“ definiert, sondern als das Nichtvorhandensein anderer Merkmale, in der Form der Verneinung. Dukha fällt aus diesem Muster heraus, dieser Begriff beginnt nicht wie bei den beiden anderen mit dem verneinenden „a“ im Sanskrit, sehr wohl aber in der griechischen Übermittlung durch Pyrrho.

Dukha kann auch gelesen werden als du-kha, im Gegensatz zu su-kha, einem Begriff, der bereits im Rig-Veda auftaucht und ein rund laufendes Rad bezeichnet. Du-kha wäre demnach ein Ausdruck für „unrund“, unbefriedigend und erst in weiterem Sinn als dementsprechend unangenehm und leidvoll. Das ist zweifellos ebenfalls eine Verneinung und nicht ein eigenständiger Begriff, wie ihn die Übersetzung mit „Leid“ nahelegt. In den Trilakshans einen eigenständigen Begriff anzunehmen widerspricht überdies fundamental den Aussagen der beiden anderen Teile der Trilakshanas, dass es nämlich keine eigenständigen Wesensmerkmale der Erscheinungen bzw. deren geistiger Verständnismöglicheit gäbe.

Daraus ergibt sich, dass die zentrale Klammer der so unterschiedlichen lokalen buddhistischen Ausformungen mit Ausnahme des Zen das „Leid“ und dessen Überwindung seien. Zen scheint somit den Aussagen des Siddharta Gautama, der später ein Buddha, ein Erleuchteter genannt wurde, näher zu sein – und dies in Übereinstimmung mit den zentralen Sutren des Zen. Die Trilakshanas stehen im Einklang mit den Lehren des Zen, insbesondere des frühen Zen, insbesondere mit dem Gedankensystem des Nagarjuna, der als „Philosoph des Zen“ im 2ten Jahrhundert als einer der bedeutendsten Zen Lehrer (Ryuju) Indiens und als 14ter Patriarch des Zen angesehen wird sowie den Aussagen vor allem der chinesischen Zen Meister des 6. und 7. Jahrhunderts wie sie in den Koan Sammlungen Mumonkan und Hekigan-Roku widergegeben werden.

Das „Leid“ als eigenständige Entität und seine Überwindung mit der Handlungsanweisung des achtfachen Pfades sind also kein Teil des Zen – und wahrscheinlich auch keines eines authentischen buddhistischen Verständnisses insgesamt, das im Lichte dessen auch allgemein einer Neu-Definition bedarf.

Quellen:
Greek Buddha: Pyrrho’s Encounter with Early Buddhism in Central Asia, Christopher I. Beckwith sowie diverse Suchbegriffe in Wikipedia und Google

Bild:
Der 71 Meter hohe, aus dem Stein gehauene Riesen-Buddha in Leshan in China, aus dem 7. bis 10. Jahrhundert

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